{"id":75,"date":"2025-02-07T16:49:27","date_gmt":"2025-02-07T16:49:27","guid":{"rendered":"http:\/\/nazlikarabiyikoglu.com\/?p=75"},"modified":"2025-02-10T15:43:12","modified_gmt":"2025-02-10T15:43:12","slug":"verschollen-im-goethehaus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/nazlikarabiyikoglu.com\/?p=75","title":{"rendered":"Verschollen im Goethehaus"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-regular-font-size\"><strong>Johann im Schlaf<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Wie lange eine mit Ungeduld und Vorfreude erwartete Reise auch gedauert haben mag, in der Nacht vor der Heimfahrt schmerzt dem echten Weltenbummler das Herz. Die Stra\u00dfen und engen Gassen, die man Tage lang durchstreifte, der Klang einer fremden Sprachen, die L\u00e4den, Caf\u00e9s und Restaurants, das Rascheln geschleppter Frauenkleider, das Jauchzen der Kinder, die aus der Schule springen und davonrennen, der L\u00e4rm der Fahrzeuge, all das rauscht nun in ganz anderen T\u00f6nen im Ohr. Kurz vor dem \u201eCiao\u201c oder \u201eLebewohl\u201c, den Geschmack einer Vielzahl unbekannter Gerichte noch auf der Zunge, \u00fcberlegt der Reisende wieder und wieder \u2013 wie sehr das Heimweh ihn auch dr\u00fccken mag \u2013 ob er den Aufenthalt in der Fremde um einen Tag ausdehnen k\u00f6nnte. Die ganze Nacht sinnt man dar\u00fcber nach, dass ein Tag mehr oder weniger doch keinen Unterschied mache, dass ein schlechtes Entkommen immer noch besser sei als gar keines. Die R\u00fcckkehr bedeutet, sich wieder der Realit\u00e4t zu n\u00e4hern, wieder im verlorenen Beiwerk der Routine zu existieren und sich an die unterbrochene Arbeit zu begeben. Die Angelegenheiten zu ordnen, mit dem Schreiben fortzufahren, die Wohnung aufzur\u00e4umen, andere Menschen zu unterst\u00fctzen, zu leben, zu arbeiten \u2026 Wie k\u00f6stlich ist dagegen doch die f\u00fcr die Dauer einer Reise angehaltene Zeit, die Stunden, die man damit zubrachte in unbekannten Sprachen geschriebene B\u00fcchern zu durchst\u00f6bern! Frei von jeder Hektik vor den Werken der Maler und Bildhauer der Region zu stehen, in Tr\u00e4umereien zu versinken und auf diese Weise ihre Geschichte frei und ganz neu zu schreiben, ist ein Vergn\u00fcgen, das nur sehr wenigen Reiselustigen verg\u00f6nnt ist. Die ganze Nacht \u00fcber sinnt der Abreisende von morgen \u00fcber diese Dinge nach. Am Morgen steht man unwillig auf, zieht sich an. Mit dem \u201eKlack\u201c des Stempels, der in den Pass gehauen wird, verwandelt sich das Traumheft in eine banales Tagebuch.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-regular-font-size\"><strong>Ein Brief mit Verz\u00f6gerung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>In der letzten Nacht meines Aufenthalts in Frankfurt befand auch ich mich in genau diesen Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich starrte zur Decke meines Pensionszimmers und produzierte Vorw\u00e4nde, um nicht abreisen zu m\u00fcssen. Was gesch\u00e4he denn nach meiner R\u00fcckkehr, fragte ich mich. Meine Flugbuchung zu \u00e4ndern, w\u00fcrde ein paar Minuten in Anspruch nehmen. Mit der Pensionswirtin lie\u00dfe sich reden, zweifellos k\u00f6nnte ich noch eine Nacht bleiben. So k\u00f6nnte ich noch einmal in die verzauberte Natur Heidelbergs eintauchen. Noch ein langer Morgenspaziergang. Und morgen Nacht? Und die folgenden N\u00e4chte? Andere St\u00e4dte vielleicht? Die Konfrontation mit den gebrochenen Fl\u00fcgeln der Zeit wurde zum Korridor, der sich mir unversehens zum Schlaf auftat. Als ich morgens aufstand, blickte ich meinen abends gepackten Koffer an, setzte meinen breitkrempigen Hut auf den Kopf und dr\u00fcckte auf Ingeborgs Klingel im Obergeschoss, um ihr den Schl\u00fcssel zu \u00fcbergeben. Wie immer \u00f6ffnete sie mit freundlichem L\u00e4cheln die T\u00fcr: \u201eGuten Morgen\u201c, sagte sie und fragte, ob ich noch eine Tasse Kaffee mochte, bevor ich ging. Dazu hielt sie mir ein St\u00fcck Papier entgegen: \u201eDas ist gestern sp\u00e4t am Abend f\u00fcr dich gekommen, aber ich wollte dich nicht mehr wecken.\u201c Verbl\u00fcfft setzte ich mich an den Tisch neben dem Fenster und lauschte einen Moment dem Miauen der Katze, die mir um die Beine strich. Es war ein im alten Stil mit einem Siegel verschlossener Brief war. Offensichtlich war er auf B\u00fcttenpapier geschrieben. Aber von wem und wozu? Ein Brief, wo es doch E-Mails, Telefone, Messages gab? Und noch dazu an eine Adresse, an der ich nur vor\u00fcbergehend wohnte \u2026 Au\u00dferdem kannte noch nicht einmal meine Familie die Anschrift! \u201eWie kann das sein?\u201c, murmelte ich auf T\u00fcrkisch. Ingeborg drehte sich um und fragte, ob ich Milch wollte. \u201eNein, danke\u201c, antwortete ich. \u201eWie kommt dieser Brief blo\u00df hierher?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hob die Brauen und erkl\u00e4rte, gestern im Dunkel der Nacht h\u00e4tte den Brief ein Mann mit dreieckigem Hut gebracht. Auch sie konnte sich keinen Reim darauf machen, aber sie hatte geglaubt, er k\u00f6nne ein Freund von mir sein, der in Frankfurt oder der Umgebung lebte. Ohne richtig wach zu werden, sei sie wieder zu Bett gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bat Ingeborg um ein Messer und l\u00f6ste das Siegel vorsichtig vom Brief. Dann \u00f6ffnete ich das vierfach gefaltete Blatt. Ich versuchte, die ausladende, schr\u00e4g liegende Schrift zu lesen, doch vergebens. Der Brief war auf Deutsch. Ich war auf Ingeborgs Hilfe angewiesen, die mir neugierig \u00fcber die Schulter sah. W\u00e4hrend ich mich umdrehte, um sie zu bitten, mir den Brief zu \u00fcbersetzen, fiel mein Blick auf die Unterschrift. Ich musste wohl tr\u00e4umen, denn Realit\u00e4t konnte das unm\u00f6glich sein. Ich hatte also schon begonnen zu halluzinieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Wirtin begann mit zusammengekniffenen Augen vorzulesen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLiebes Fr\u00e4ulein!<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Tagen beobachte ich, wie Sie an meinem Hause vor\u00fcberspazieren und warte darauf, dass Sie den Rand Ihres Hutes ein wenig l\u00fcften, um mir ein L\u00e4cheln zu schenken, oder sich wom\u00f6glich fragen, was es wohl mit diesem Hause in dieser Stra\u00dfe auf sich haben mag, und an meine T\u00fcre klopfen. Sie jedoch gehen jedes Mal eiligen Schrittes vorbei, ohne mich mit einem L\u00e4cheln zu begl\u00fccken. Und ich sehe ihnen sehnsuchtsvoll nach. Ich wei\u00df, dass Sie morgen fr\u00fch in Ihre Heimat zur\u00fcckkehren werden. Bleiben Sie mir zuliebe noch einen Tag und kommen Sie augenblicklich her. Ich brauche Sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Adresse: Gro\u00dfer Hirschgraben Nummer 23 bis 25<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Sie sehnsuchtsvoll erwartender<\/p>\n\n\n\n<p>Johann Wolfgang Goethe\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ingeborg lie\u00df den Brief sinken und fing schallend zu lachen an. Sie legte den Brief vor mir auf den Tisch und lie\u00df sich lachend in ihren Sessel sinken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist gar nicht so komisch, wenn\u2018s nach mir geht\u201c, murmelte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa nimmt dich jemand sch\u00f6n auf den Arm, Fr\u00e4ulein!\u201c, sagte sie, w\u00e4hrend sie sich die Tr\u00e4nen von den Wangen wischte. Ich sprang vom Tisch auf, schnappte mir den Brief und ging zur T\u00fcr. Meinen Koffer zog ich hinter mir her.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, Frau Ingeborg!\u201c, rief ich, w\u00e4hrend ich schon die Treppen hinunter stieg. \u201eNiemand nimmt mich auf den Arm, das ist nur ein versp\u00e4teter Brief. Tsch\u00fcss!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Beinahe im Laufschritt begab ich mich zur Hauptstra\u00dfe, hielt ein Taxi an und zischte dem vermutlich t\u00fcrkischen Taxifahrer zu: \u201eZum Goethehaus.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-regular-font-size\"><strong>Der Ruf des Dichters<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Hinter der Gardine konnte ich die Silhouette erkennen, neigte den Rand meines Huts und l\u00e4chelte. Der Schatten zog sich vom Fenster zur\u00fcck. Den Betrag, den man zum Eintritt in das schon vor langer Zeit in ein Museum verwandelte Haus entrichten musste, z\u00e4hlte ich auf den Kassentisch und hinterlie\u00df meinen Koffer am Eingang. Ich durchschritt den mit nagelneuen Bodenplatten belegten Eingangsbereich und gelangte in die Diele mit schon etwas abgetretenen Platten, doch als ich an deren Ende vor der prunkvollen alten Holzt\u00fcr stand, stockte ich. Welcher Johann w\u00fcrde mich erwarten? Welcher Goethe hatte mich zu sich gerufen? War es der junge, der seine Lotte verlassen hatte und mit gebrochenem Herzen nach Frankfurt zur\u00fcckgekehrt war, oder der gro\u00dfe Genius mit grauem Haar und wundem Herzen, nachdem er schlie\u00dflich den Faust vollendet und das Manuskript auf den Tisch gelegt hatte? Ich hob den Riegel nach oben und stie\u00df die T\u00fcr auf. Als Erstes erblickte ich die Hand am Gel\u00e4nder der breiten Treppe, die sich auf der linken Seite nach oben schwingt. Ich h\u00f6rte das Klackern seiner Abs\u00e4tze. W\u00e4hrend ich verfolgte, wie er, um mir ein wenig den Atem zu rauben, gemessenen Schritts eine nach der anderen die Stufen herabstieg, bemerkte ich, wie reizvoll es anzusehen war, als das fahle Licht aus der gro\u00dfen Stube hinter der Treppe seine Gestalt nach und nach erhellte. Die erhabenen Stickereien und die silbernen R\u00e4nder seines Rocks, der ihm bis \u00fcber die Knie reichte, gl\u00e4nzten. \u00dcber der Culotte, welche die Knie fest umschloss, trug er unter der Weste ein Hemd, dessen R\u00fcschen unter dem Stehkragen des Rocks hervorquollen. Sein Hals war blass. Nun fiel das Licht auf sein kr\u00e4ftiges Kinn. Nacheinander sah ich seine feinen und doch charaktervollen Lippen, die wohlgeformte Nase, den feurigen Blick und die schneewei\u00dfe Stirn. Sein dunkelblondes Haar hatte er mit einer schwarzen Kordel im Nacken gebunden. Unb\u00e4ndig quoll eine Locke \u00fcber den Rand seiner Ohren. Als er die letzte Treppenstufe erreicht hatte, l\u00f6ste er die Hand vom Gel\u00e4nder, um sie mir entgegenzustrecken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch freue mich, dass du meine Einladung angenommen hast, Fr\u00e4ulein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Wangen leuchteten, als w\u00e4re er gerade von einem stundenlangen Ritt mit Bad in einem See zur\u00fcckgekehrt. In Erregung, Leidenschaft, aber vor allem aufgrund seiner Jugend \u2026 Vielleicht kurz bevor er den Werther schrieb. Oder genau zu jener Zeit. So stand er vor mir. Der junge Johann Wolfgang Goethe. Er ergriff meine Hand, um sie an die Lippen zu f\u00fchren. Dann er\u00f6ffnete er mir, wie sehr er bef\u00fcrchtet hatte, ich w\u00fcrde die Stadt verlassen, ohne den Brief erhalten zu haben, und zog und presste mich an sich, als umarmte er einen lange vermissten Freund. Vor der riesigen Spiegelkommode standen wir beieinander. Er wollte wissen, warum die Reisende, die sich auf den Spuren von Schriftstellern in unz\u00e4hlige St\u00e4dte aufgemacht hatte, den Weg in sein Haus nicht gefunden hatte. Ich blickte sein Antlitz im Spiegel an und lachte: \u201eHerr Goethe, Ihr schlechter Ruf als Sch\u00fcrzenj\u00e4ger hat mich wohl geschreckt. Vielleicht auch war ich nicht bereit, mir die Leiden des jungen Werthers allzu nahe gehen zu lassen. Oder ich f\u00fcrchtete, dem Mephisto zu begegnen. Fragen Sie nicht weiter.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er hob mein Kinn und drehte mein Gesicht zu sich. <em>\u201eVerg\u00e4nglich sind auch die sch\u00f6nsten Gaben auf Erden \/ doch was wir mit unseren Gedanken bei den Denkenden bewirken \/ nur das hat Bestand und bleibt auf immer. \/ Nun verweil du hier \/ und teile meine hundertj\u00e4hrge Einsamkeit mit mir \/ in den Stuben dieses leeren Hauses.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00fcckkehr, die mich Erwartenden, der Fortgang des Lebens. Wen interessierte das noch? Mitten in einem endlosen Aufschub bat ich ihn, seinem Knecht zu sagen, er solle meinen Koffer hereinbringen. Und so begannen meine Tage im Goethehaus.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-regular-font-size\"><strong>Meine Tage im Goethehaus<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>In dem riesigen, dreigeschossigen Haus gab es nur uns beide. Er hatte mir das helle Zimmer zur Stra\u00dfe gegeben, dessen Mobiliar aus einem Bett mit messingbeschlagenem Kopfteil, einem Tischchen und einem Ankleidespiegel bestand. Das gen\u00fcgte mir. Wenn wir abends im Schein von Kerzen und Petroleumlampen in seinem Schreibzimmer beisammen sa\u00dfen, dessen Dielenboden knarrte, forderte er mich auf, mir aus seiner Bibliothek ein Buch auszusuchen. In welcher Sprache dieses auch geschrieben sein mochte, er \u00fcbersetzte mir, was ich wollte, und erz\u00e4hlte mir unglaubliche Geschichten. Wir sprachen \u00fcber den Nahen Osten, \u00fcber die Zeit des Propheten und vor allem \u00fcber die W\u00e4lder. Lass uns zusammen in den Schwarzwald reisen, beharrte er, wenn er etwas zu viel getrunken hatte. Gehen wir, lassen wir uns auf die Erde niedersinken, lauschen wir dem Summen der Insekten. Lass uns Pflanzen sammeln und alle in unseren Heften pressen. Trinken wir noch ein Gl\u00e4schen, lass uns noch ein wenig das Mainufer entlang reiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tage mit diesem Mann, den man in unserer Zeit r\u00fchmt, vergingen wie im Flug. Ich verga\u00df das Leben in meinem Land und \u00fcberlie\u00df mich dem gem\u00e4chlichen, m\u00fc\u00dfigen Rhythmus des Hauses, des winzigen Gartens und des gro\u00dfen Hofs. Wenn ich mit blo\u00dfen F\u00fc\u00dfen \u00fcber die weichen Perserteppiche des Raums ging, in dem wir zur fr\u00fchen Morgenstunde gemeinsam arbeiteten, wenn ich in dem abgenutzten Unterhemd, das ich in einem der Schr\u00e4nke entdeckt hatte, durch seine Bibliotheksw\u00e4nde streifte und hie und da stehen blieb, um Johann dabei zuzusehen, wie er ein Sonett schrieb, war ich wie verzaubert. \u201eMusste es etwa so sein: War das Gl\u00fcck eines Menschen zugleich der Quell seines Kummers?\u201c Mit der Zeit f\u00fcrchtete ich zusehends, ein Traumbild zu verlieren und schob \u2013 wohl wissend um den bevorstehenden Schmerz \u2013 den Zeitpunkt meiner Abreise immer weiter hinaus. Wenn ich an all jene Frauen dachte, die Johann verehrten und sich unsterblich in ihn verliebten, wuchs sich jedes Gef\u00fchl, das ich zu unterdr\u00fccken suchte, um selbst nicht in diese Rolle zu geraten, zu einem riesigen Geschw\u00fcr auf meiner Haut aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Nachts gegen Morgen, als er wieder einmal zu viel getrunken hatte und eingenickt war und ich die Papiere auf seinem Schreibtisch zu ordnen versuchte, las ich unter ihnen eine Passage:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas volle, warme Gef\u00fchl meines Herzens an der lebendigen Natur, das mich mit so vieler Wonne \u00fcberstr\u00f6mte, das rings umher die Welt mir zu einem Paradiese schuf, wird mir jetzt zu einem unertr\u00e4glichen Peiniger, zu einem qu\u00e4lenden Geist, der mich auf allen Wegen verfolgt. Wenn ich sonst vom Felsen \u00fcber den Fluss bis zu jenen H\u00fcgeln das fruchtbare Tal \u00fcberschaute und alles um mich her keimen und quellen sah; wenn ich jene Berge, vom Fu\u00dfe bis auf zum Gipfel, mit hohen, dichten B\u00e4umen bekleidet, jene T\u00e4ler in ihren mannigfaltigen Kr\u00fcmmungen von den lieblichsten W\u00e4ldern beschattet sah, und der sanfte Fluss zwischen den lispelnden Rohren dahingleitete und die lieben Wolken abspiegelte, die der sanfte Abendwind am Himmel her\u00fcberwiegte; wenn ich dann die V\u00f6gel um mich den Wald beleben h\u00f6rte, und die Millionen M\u00fcckenschw\u00e4rme im letzten roten Strahle der Sonne mutig tanzten, und ihr letzter zuckender Blick den summenden K\u00e4fer aus seinem Grase befreite, und das Schwirren und Weben um mich her mich auf den Boden aufmerksam machte, und das Moos, das meinem harten Felsen seine Nahrung abzwingt, und das Geniste, das den d\u00fcrren Sandh\u00fcgel hinunter w\u00e4chst, mir das innere, gl\u00fchende, heilige Leben der Natur er\u00f6ffnete: wie fasste ich das alles in mein warmes Herz, f\u00fchlte mich in der \u00fcberflie\u00dfenden F\u00fclle wie verg\u00f6ttert, und die herrlichen Gestalten der unendlichen Welt bewegten sich allbelebend in meiner Seele. [\u2026] Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewig offenen Grabes. Kannst du sagen: Das ist! Da alles vor\u00fcbergeht?\u201c<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Ich faltete das Blatt und legte es mir an die Brust. Dann ging ich in den Garten hinter dem Haus und wartete, bis die K\u00fchle mich zur Besinnung brachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Goethehaus \u2026 Das Dichterhaus hinter dem alten Ziehbrunnen, vor dem ich stand. Die ewige Grabst\u00e4tte meines Phantoms, der Ort meines vor\u00fcbergehenden Arrests. Der Ort, an dem der gro\u00dfe Dichter den Kopf auf ein Kissen bettete, der 1785 an seine enge Freundin Charlotte von Stein die Zeilen schrieb: \u201eIch habe nur zwei G\u00f6tter: dich und den Schlaf. Ihr heilet alles an mir was zu heilen ist und seid die wechselsweisen Mittel gegen die b\u00f6sen Geister.\u201c Zum ersten Mal, seit ich hierher gekommen war, trat ich aus dem Zauber seiner Kraft und betrachtete dieses Haus, in dem er sein Leben verbracht hatte, mit Realismus. Am Brunnen vorbei ging ich ins Haus und blieb in der Diele stehen, in der ich ihm zum ersten Mal begegnet war. Ich betrachtete die gelbe und die blaue Stube und zu meiner Rechten die K\u00fcche.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich durchstreifte die Blaue Stube, an deren rundem Esstisch Johann die Reinschrift seines \u201eG\u00f6tz von Berlichingen\u201c anfertigen lie\u00df. Und da waren sie: Sein Vater Johann Caspar, seine Mutter und die Schwester, seine einzige Vertraute, Cornelia \u2026 Das Kl\u00f6ppelkissen am Fenster diente seiner Mutter, um Spitzen zu kl\u00f6ppeln; all das Porzellan im Rokoko-Stil stammt aus einer der besten Manufakturen der Zeit. In der Gelben Stube indessen sammelte die Mutter alle Erinnerungsst\u00fccke, die sie aus Weimar erhielt, weshalb man sie auch Weimarer Salon nennt. Die K\u00fcche zur Rechten ist voller Kuchenformen, Kessel und Pfannen. Eine K\u00f6chin und zwei M\u00e4gde arbeiten in der kleinen K\u00fcche. Am Fenster zum Garten hinter dem Haus ist Besenreisig aufgeh\u00e4ngt. Eine Pumpe, die mit einem Brunnen im Keller verbunden ist, bringt k\u00fchles Wasser auf den Tisch. Ein riesiger Ofen heizt mit seiner Glut den Eingangsbereich des Hauses. Auch wird alles Essen hier gekocht. Die Laternen auf dem K\u00fcchenschrank werden angez\u00fcndet, wenn man zu mittern\u00e4chtlicher Stunde das Haus verl\u00e4sst, und die Herren des Hauses werden so empfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es schien, als sp\u00fcrte ich alle Menschen der Vergangenheit auf einmal auf der Haut. Mich schauderte. Langsam begann ich die Treppe hochzusteigen, die beinahe ein Drittel des Hauses einnimmt. Meine Hand strich \u00fcber das schmiedeeiserne Gel\u00e4nder und dann \u00fcber die eingearbeiteten Buchstaben JCG und CEG, die Initialen von Johanns Eltern, um die sich das Eisen windet.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vorsaal oberhalb der Treppe stehen zur Aufbewahrung der W\u00e4sche der Familie monstr\u00f6se Schr\u00e4nke, die von oben auf einen herabzust\u00fcrzen drohen. Die Kleidung ist so reichhaltig, dass man im Goethehaus nur drei Mal im Jahr Waschtag h\u00e4lt. Johanns Leidenschaft f\u00fcr Italien r\u00fchrt vielleicht von den r\u00f6mischen Kupferstichen an den W\u00e4nden hinter den Schr\u00e4nken. Der Vater Johann Caspar Goethe hatte sie 1740 anfertigen lassen. In der mit einer Peking-Tapete und karmesinroten Vorh\u00e4ngen ausgestatteten Roten Stube empfing man Besuch, versammelte sich, feierte Familienfeste und hob das Glas. Zum \u00c4rgernis von Johann Caspar Goethe, der politisch auf Preu\u00dfens Seite stand, war w\u00e4hrend des Siebenj\u00e4hrigen Kriegs der franz\u00f6sische \u201eK\u00f6nigsleutnant\u201c Thoranc in diesem Salon einquartiert; deshalb begr\u00fc\u00dft sein Portrait den Besucher im n\u00f6rdlichen Seitenkabinett. Gegen\u00fcber des Roten Salons findet sich ein kleines Musikzimmer. Die Familie Goethe liebte die Musik sehr, der Vater spielte sogar Laute, Johann Cello und Cornelia Klavier. Die Mutter trug mit ihrem Gesang zur Hausmusik bei. \u00dcber dem roten Clavichord stellt ein \u00d6lgem\u00e4lde schw\u00fclstig die \u2013 schon lange nicht mehr unter uns weilende und doch in die Geschichte eingegangene Familie Goethe dar. In dem Gem\u00e4lde von Johann Corvad Seekatz l\u00e4chelt die Familie vor idyllischer Landschaft ins Leere. Hinter ihnen sind f\u00fcnf Kleinkinder abgebildet. Sie stellen die fr\u00fch verstorbenen f\u00fcnf Geschwister dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stieg in die zweite Etage hoch und betrat den Raum, von dem es hei\u00dft, Johann Wolfgang sei hier geboren. Neben dem Fenster h\u00e4ngt eingerahmt die Ausgabe der \u201eFranckfurter Frag- und Anzeigungs-Nachrichten\u201c vom Datum seiner Taufe am 29. August 1749. Direkt daneben befindet sich das Zimmer seiner Mutter, angef\u00fcllt mit Porzellan-Miniaturen. Die W\u00e4nde des n\u00e4chsten Zimmers sind bedeckt von in Gold gerahmten Bildern aller Art. Von hier gelangt man weiter in die Bibliothek. Da der Vater viel las, hatte er mit rund 2000 B\u00e4nden einen Schatz zusammen getragen, der die Grundlage der Bibliothek bildete, mit der sich Johann Wolfgang Goethe schon in seiner Kindheit die Gelegenheit bot, die verschiedenen Varianten der Erz\u00e4hlung von Dr. Faust zu erkunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die dritte Etage empf\u00e4ngt den Treppensteiger wieder mit einer Wartediele. Hier gibt es ein Zimmer, das man sich gar nicht oft genug anschauen kann. Im Puppentheaterzimmer stellte Johann mit selbst gebastelten Kulissen ein papiernes Schattentheater her. Hier baute er Miniaturwelten auf. Genau in der Zimmermitte steht das Geh\u00e4use des Puppentheaters, das durch Johanns Beschreibung in dem Roman &#8220;Wilhelm Meisters theatralische Sendung&#8221; zu Ruhm gelangte. Dieses war eigentlich ein Geschenk an den vierj\u00e4hrigen Johann Wolfgang, das ihn immer wieder ermunterte, hoch kreativen Schauspiele zu erfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und schlie\u00dflich befindet sich etwas weiter neben der kleinen Mansarde, in die die Windungen des Dachgeschosses ihre Schatten werfen, und dem Kabinett eben jenes Zimmer: Das Zimmer des Dichters!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Kaiserreich! Ein Regime, in dem nur sein Wort z\u00e4hlt! Eine unbeschr\u00e4nkte Herrschaft \u00fcber Papier und Tinte! Gedichte, Dramen, Satiren, Singspiele und andere Schriften. Vor allem aber der junge Werther! Handzeichnungen, der Schattenriss seiner Lotte und ein Portrait Cornelias zieren die W\u00e4nde. Was mag ihm wohl beim Zeichnen durch den Sinn gegangen sein? W\u00e4hrend er so viele Pers\u00f6nlichkeiten skizzierte? Mit jeder von ihnen wird er ein Zwiegespr\u00e4ch gef\u00fchrt haben, w\u00e4hrend er sich aus Silhouetten ein Tintenvolk erschuf. Auf dem zierlichen Sofa, das er aus dem Vorsaal hereinzog, legt er sich zum Schlaf, wenn er sich ersch\u00f6pft f\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-regular-font-size\"><strong>Der Dichter aus der Ferne betrachtet<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ich betrachtete den Dichter, der an seinem Tisch schlief, den Kopf leicht in den Hohlraum unter der Armbeuge gesunken. In diesen Tagen schien er ein wenig gealtert. Aus seinem leicht ge\u00f6ffneten Mund drang ein leises R\u00f6cheln. Ich musste noch einmal \u00fcber alles nachdenken, sein Leben noch einmal vor meinem inneren Auge vor\u00fcberziehen lassen. Seine Italienreise, den dort durchgemachten Liebesschmerz, die Ausweglosigkeit, in die seine Liebe zu Charlotte von Stein geraten war, das letztendliche Scheitern der der Aufkl\u00e4rung verschriebenen Reformen des Herzogs von Weimar \u2026 (Dazu muss unbedingt Melling betrachtet werden.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p>Doch ich bin jetzt bei dem jungen Johann Wolfgang. In seinen regelm\u00e4\u00dfigen Atemz\u00fcgen, die mit Gelassenheit auf das allm\u00e4hliche Entstehen von Linien in seinem Gesicht treffen, liegt etwas Beruhigendes. Der junge Goethe \u2026 Goethe, der mit seinen komplizierten Gedanken zum Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft in scharfer Sprache \u2013 auch mittels Satire \u2013 die gesellschaftliche Ordnung seiner Zeit kritisierte, der die gesellschaftliche Behinderung der pers\u00f6nlichen Entwicklung klar und deutlich aufzeigte, der in den feudalen Schichten der gesellschaftlichen Klassen ein enormes Hindernis f\u00fcr die pers\u00f6nliche Entwicklung sah.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich dachte an das, was George Lukacs \u00fcber Werther schrieb. Der Junge Werther w\u00fcrde als Liebesgeschichte betrachtet, meinte er. \u201eIst das richtig? Ja, Werther ist eine der gr\u00f6\u00dften Liebesgeschichten der Weltliteratur. Aber wie jede wirklich poetische Darstellung einer erotischen Trag\u00f6die ist auch Werther viel mehr als ein blo\u00dfes Liebesdrama. Der junge Goethe f\u00fchrte in diesen Liebeskonflikt mit Erfolg alle gro\u00dfen Probleme des Ringens um die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung ein. Werthers Liebesdrama ist eine tragische Explosion all jener Leidenschaften, die im Leben gew\u00f6hnlich isoliert, partiell, abstrakt vorkommen; aber im Werther sind sie im Feuer der leidenschaftlichen Liebe zu einer homogenen, gl\u00fchenden und strahlenden Masse verschmolzen.\u201c<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Hier bewirkte die Welle der Verehrung, welche die Ver\u00f6ffentlichung des Jungen Werthers hervorrief, dass der Sohn von Johann Caspar Goethe nicht lediglich als Jurist wahrgenommen wurde, sondern als Schriftsteller Anerkennung fand. (Man braucht sich nicht zu wundern, dass Johann nach dem Werther in seine produktivste Schaffensperiode eintrat.)<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem Goethe im November 1775 nach Weimar kam, befasste er sich einige Zeit mit Politik und wurde pers\u00f6nlicher Berater des Herzogs. Seine Arbeiten an den Koranauslegungen, die er 1771 begonnen hatte, setzte er hier fort und war damit der erste Literat, der sich in Deutschland dem Islam auf positive Weise n\u00e4herte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Widersacher der Aristokratie wurde der Einfluss Goethes auf den Ministerrat in Literatenkreisen unterschiedlich eingesch\u00e4tzt. W\u00e4hrend manche Schriftsteller es als Politik der Erneuerung bewerteten, dass Goethe sich m\u00fchte, die Bauern von ihrer dr\u00fcckenden Steuerlast zu befreien, hoben andere Kreise hervor, dass Goethe es sowohl bef\u00fcrworte, die S\u00f6hne des Landes zum preu\u00dfischen Heer zwangszurekutieren, als auch sich f\u00fcr Ma\u00dfnahmen zur Beschr\u00e4nkung der Meinungsfreiheit einsetzte. Goethe votierte zun\u00e4chst f\u00fcr die Todesstrafe einer Frau, die ihr unehelich geborenes Kind get\u00f6tet hatte, sp\u00e4ter hingegen nahm er im Gegensatz dazu in der Trag\u00f6die des Gretchen eine von Mitgef\u00fchl bestimmte Haltung an. Ob dies jedoch auf Goethes pers\u00f6nlicher Ansicht beruhte oder er sich der Mehrheitsmeinung beugte, l\u00e4sst sich nicht eruieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Beziehung zu Charlotte von Stein m\u00fcde, erf\u00fcllt von den Liebesabenteuern seiner Italienreise, als Sch\u00fcrzenj\u00e4ger ber\u00fcchtigt, verliebt in Christiane Vulpius, ehelichte er schlie\u00dflich seine kleine Femme fatale und tat sein M\u00f6glichstes, damit sie in der Gesellschaft akzeptiert wurde \u2026 der m\u00fcde Dichter. Dass man ihn nach dem Tod nicht in Ruhe lie\u00df, rief er selbst durch sein Schreiben herbei. War er eine Zeitlang auch in Vergessen geraten, so wurde er sp\u00e4ter zum gr\u00f6\u00dften deutschen Dichter ausgerufen. Unter der Erde m\u00f6gen seine Gebeine auseinandergefallen sein \u2013 wer wei\u00df? Doch seine Seele \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Seele, die das Haus, in dem er sein Leben zubrachte, einfach nicht verlassen kann, die den Werther, der es Tag f\u00fcr Tag unterl\u00e4sst, zum Zeitpunkt seines Todes zur\u00fcckzukehren, t\u00e4glich neu schreibt. Ich habe sie vor mir. Sie liegt im Schlaf.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-regular-font-size\"><strong>Goethe im Schlaf<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>So, wie er vor mir lag, m\u00fcsste ich ihn verlassen und fortgehen. W\u00e4hrend er im Traum den Zauber der Theater wieder erlebte, die er in Venedig besucht hatte, und im Dunst der Kan\u00e4le die Gondeln vorbeiziehen sah, als ein Zittern seiner Mundwinkel verriet, dass er die Erregung in den unschuldigen Blicken, die seinem Blick begegneten, wieder sp\u00fcrte, m\u00fcsste ich mich wegstehlen. Ich f\u00fcrchtete mich nicht davor, mich in ein Gespenst zu verwandeln, in diesem riesigen Haus ein Gast zu werden, der in einen Koffer passte, das Geschw\u00e4tz der Knechte und K\u00fcchenm\u00e4gde auf mich zu ziehen, falls ich bliebe, und auch nicht davor, dass eines Tages Johanns Familie auftauchen k\u00f6nnte. Dass pl\u00f6tzlich eines Morgens Lotte, Stein oder Vulpius vor mir stehen und ihren Geliebten f\u00fcr sich reklamieren k\u00f6nnten, auch nicht vor den umhergeisternden \u00fcbrigen Seelen \u2026 Mehr als die Furcht war es der Scho\u00df der Literatur, dem ich entfloh.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich nicht von den vielen Geschichten und M\u00e4rchen in verschiedenen Sprachen trennen zu k\u00f6nnen, denen ich jeden neuen Tag lauschte, damit fortzufahren, in jedem einzelnen Zimmer dieses Hauses gen\u00fcsslich nach Spuren der Geschichte zu suchen, tanzend in Johanns Armen verzaubert das R\u00fcckgrat des Hauses hinabzusteigen, den Mann zu lieben, der mir den Orient so quicklebendig beschrieb, das Pferd nicht z\u00fcgeln zu k\u00f6nnen, auf dem ich an seiner Seite zum Schwarzwald ritt \u2026 War all das denn Furcht? Versuchte ich, seiner Faszination, seinem \u00fcberm\u00e4chtigen Charakter und seiner Leidenschaft, die wie meine eigene f\u00fcr die Natur brannte, zu entkommen, indem ich meinen R\u00fcckzug nach innen auf vereinfachende Weise blo\u00df seinen Worten, Spr\u00fcchen und Erz\u00e4hlungen zuschrieb? Warum wollte ich jetzt so schnell wie m\u00f6glich aus dem Goethehaus weglaufen, wo ich doch bei ihm noch weiter befl\u00fcgelt werden und eines Tages, wenn ich nach Hause zur\u00fcckkehrte, das Geschehene in allen Einzelheiten und in aller Ausf\u00fchrlichkeit niederschreiben k\u00f6nnte?<\/p>\n\n\n\n<p>Denn ich wusste, was er schrieb. Und ich gehe mit diesen Zeilen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum weckst du mich, Fr\u00fchlingsluft? Du buhlst und sprichst: ich betaue mit Tropfen des Himmels! Aber die Zeit meines Welkens ist nahe, nahe der Sturm, der meine Bl\u00e4tter herabst\u00f6rt! Morgen wird der Wanderer kommen, kommen der mich sah in meiner Sch\u00f6nheit, ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen und wird mich nicht finden.&#8211;\u201c<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Er bewegte sich ein wenig und schlug den herunterh\u00e4ngenden Arm unter den Kopf. Das rosa Licht des anbrechenden Tags fiel auf sein dunkelblondes Haar und schimmerte zwischen den H\u00e4rchen. Ich trat n\u00e4her. Leise zog ich das schwarze Band aus seinem Nacken, mit dem er das Haar hinten sammelte und band es mir um den Hals. Dann strich ich mit den Fingern z\u00e4rtlich \u00fcber die Locken, die ihm an die Wangen reichten. Er murmelte etwas, erwachte aber nicht. Ich w\u00fcnschte mir, dass Goethes Schlaf immer in diesem Moment verharren und so wie jetzt bleiben m\u00f6ge. Leuchtend, strahlend \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Das Unterhemd zog ich aus, faltete es und legte es auf den Schreibtisch. So wie ich anfangs durch die T\u00fcr gekommen war, meinen kleinen Koffer hinter mir herziehend, so brach ich auf nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>Die Leiden des jungen Werther<\/em>, Am 18. August.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Anton Ignaz Melling, geb. 1763 in Karlsruhe, Architekt und Maler am Osmanischen Hof von Sultan Selim III. in Istanbul, fertigte hoch realistische, detaillierte, deskriptive Gem\u00e4lde, Zeichnungen und Stiche an, die das Leben und die Architektur Istanbuls wiedergeben. Seit 1803 lebte er in Paris. Gest. 1831.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Georg Luk\u00e1cs, <em>Goethe and His Age<\/em>, s. 45: Original English quote: \u201eGenerally Werther is regarded as a love story. Is that correct? Yes, Werther is one of the greatest love stories in world literature. But like every really great poetic expression of erotic tragedy Werther provides much more than a mere tragedy of love. Young Goethe succeeded in introducing organically into this love\u00adconflict all the great problems of the struggle for the development of personality. Werther&#8217;s tragedy of love is a tragic explosion of all those passions which usually occur in life in a divided, partial, abstract way; but in Werther they are fused, in the fire of passionate love into a homogenous, glowing and radiant mass.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Die Leiden des jungen Werther, Am 20. Dezember.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">*Aus dem T\u00fcrkischen von Eva Lacour<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johann im Schlaf Wie lange eine mit Ungeduld und Vorfreude erwartete Reise auch gedauert haben mag, in der Nacht vor der Heimfahrt schmerzt dem echten&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/nazlikarabiyikoglu.com\/?p=75\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\">Verschollen im Goethehaus<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":79,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[10,8,11,9],"class_list":["post-75","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-articles","tag-frankfurt","tag-goethe","tag-goethehaus","tag-werther","entry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/nazlikarabiyikoglu.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/nazlikarabiyikoglu.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/nazlikarabiyikoglu.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/nazlikarabiyikoglu.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/nazlikarabiyikoglu.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=75"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/nazlikarabiyikoglu.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":77,"href":"http:\/\/nazlikarabiyikoglu.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75\/revisions\/77"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/nazlikarabiyikoglu.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/79"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/nazlikarabiyikoglu.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=75"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/nazlikarabiyikoglu.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=75"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/nazlikarabiyikoglu.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=75"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}